Sonntag, 1. April 2012

Wer hat noch nicht, wer will nochmal

Eine neue Runde Universität pocht schon bald an meine Tür, heraus bin ich inzwischen weitestgehend aus dem Salon Ungewiss. Sowohl meine beiden Germanistik-Klausuren, als auch die mündliche Philosophieprüfung liefen zur vollsten Zufriedenheit und die Noten können sich außerdem sehen lassen.
Bis zum 31.3. lief die Frist bis zur Abgabe zweier schriftlicher Arbeiten, einmal eines sechsseitigen Erkenntnistheorie-Essays und einer nunmehr siebenseitig produzierten Niederdeutsch-Referatsausarbeitung. Dafür erwarte ich selbstredend noch die Ergebnisse.
Doch inzwischen steht auch mein Stundenplan, der zwar etwas zerpflückter dasteht als in Semester 1, mich im Vergleich mit manch anderem Studentenleid jedoch milde lächeln lässt. Bald mehr dazu hier!

Bis zum 16. April, wenn das Semester an einem fröhlichen Montagmorgen wieder beginnt, gilt es natürlich einige Vorbereitungen zu treffen. Eine ganz wesentliche davon ist, das Semesterticket zu basteln. Eine lehrreiche Lektion und schonmal allen Studenten und denen, die es gerne wären, ein erfolgreiches und schönes zweites Semester!

   

Montag, 27. Februar 2012

Im Salon 'Ungewiss'

Ganz leise spielt die Piano-Musik im Salon 'Ungewiss'. Schüchtern klirren die groben Eiswürfel im Whiskeyglas. Einer butterweich züngelnden Flamme gleich perlt die zwölfjährige Spirituose meinen Körper hinab. Ich garniere den Schluckvorgang mit einem flachen, doch beschwichtigenden Luftzug an den nahezu geschlossenen Lippen vorbei. Die Stirn zu siegesgewissen Wellen zurechtgeschoben zieht sich mein Blick durch den weinroten Salon, der seit seiner Errichtung ausschließlich lange und rauchverhüllte Stunden sah. Einige Papiere liegen achtlos auf dem Boden zu meinen Füßen, das altersschwere Nussbaumparkett traut sich kaum, zwischen den verstreuten Seiten hindurchzuluken. Meine von schottischem Destillat und andauerndem kubanischen Zigarrenqualm müden Augen huschen aus Gewohnheit über die Deckblätter der gehefteten und gelochten Bündelchen. "Basismodul Literatur und Kultur", "David Hume - Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand" und "Morphologie 1 - Flexion" überschriebene Vorlesungsfoliensammlungen nehme ich zwischen eigenangefertigen Transkriptionsübungen und Protokollkopien zur wiederholten, doch inzwischen überflüssigen Kenntnis. 
Sie haben ihren Zweck vorerst erfüllt. Ähnlich zu den ausgeblichenen Safari-Fotografien an den Wänden, throne ich mit meinem Fuß auf den bezwungenen Vorlesungslöwen. In der rechten Hand, ausbalancierend zum übergewichtigen, gläsernen Schwenker in meiner linken, halte ich die Waffe, meinen feinen Füller. Einige blaue Schmauchspuren sind an meiner Hand noch zu sehen, doch versinken langsam unter den sich neuernden Hautschichten. Die papierne Safari ist zu Ende, der anschließende Schmaus mit den Eingeborenen bleibt in der Schublade freundschaftlicher Erinnerung.
Ich beginne zu spüren, warum die Eiswürfel kein wildes Klingen zu veranstalten wagen. Das Telefon blieb still, seit dem Moment des Versinkens in diesen ledergrünen Ohrensessel zur Linken des Salons. Der Präparator hat sich noch nicht gemeldet, ein Umstand der mir schon von früheren Expeditionen durchaus bekannt war und mich so manches Mal einige Geduld gekostet hatte. Doch nun ist etwas anders: Die Tiere auf diesem fremden Kontinent sind mir noch unbekannt. Hatte ich sie mit dem präzisen Anlegen meines Füllers wirklich überwältigen können? Was, wenn sie, noch sehr wohl lebend und nur auf den Moment des Entspringens wartend, den Doktor, der sich der Präparation nun angenommen hatte, genau jetzt, da meine Eiswürfel so stumm als möglich Alarm schlagen, mit ihren Pranken bereissen und ihre speichelbetropften Zähne in seine wohlwollende Wissenschaftlerkehle schnappen?

 
Da ist er nun so gut wie vorbei, der Februar, der das Ende meines ersten Studiensemesters gesetzt hat. Natürlich nicht ohne vorher noch eine dreiteilige Prüfungsserie mit sich zu bringen.
Meine offizielle, letzte Uni Woche hatte ich vom 13. bis zum 17. Februar. Verabschiedungsveranstaltung reihte sich also an Verabschiedungsveranstaltung: Der Erstsemester-Montag zerrann zwischen meinen Fingern mit einem Plattdeutsch-Memory im geliebten Niederdeutsch-Seminar, einer erwartenswert durchschnittlichen Philosophie-Vorlesung und einigen Übungsaufgaben im letzten Germanistik-BM1-Tutorium vor der Klausur. Dem freien Dienstag (der in Zukunft bei neuem Stundenplan sicher von mir vermisst wird) folgte der große 15.02., der Tag meiner allerersten Studiumsklausur. Weil es sonst zu großen Terminschwierigkeiten gekommen wäre, wurde diese Germanistik BM1-"Sprache und Kultur"-Klausur kurzerhand in die Vorlesungszeit gelegt.  Auch nicht weiter wild.
Die Klausur lief gut, die Aufgaben waren fair und in 90 Minuten gut zu bearbeiten. Ich musste, ebenso wie alle anderen Studenten mit den formschönen Nachnameninitialen A-L, in der Aula schreiben. Das weite Hörsaaltischchen wich einem kleinen Klappbrett, montiert an den Aula-Stühlen. Doch alles cool.
Direkt im Anschluss an die Klausur war noch eben das letzte Tutorium vor der BM2-Klausur, in der die Vorlesungsinhalte zur Hermeneutik leicht erschöpft und mit tintenblauen Fingern bearbeitet wurden. Am Donnerstag erlebte ich dann noch in spärlich besetzter Runde die letzten Sitzungen meiner Philosophie-Seminare, und mit der letzten Germanistik-BM2-Vorlesung zu "Gender Studies" und einer Runde "Jeopardy!" im Philosophie-Tutorium ging dann die Woche ruhig zu Ende.
Am Montag (20.02.) stand sie schon an, die nächste Chance auf knackige Noten: Meine mündliche Philosophie-Prüfung. Angerechnet für den Professionalisierungsbereich im Studium, ging es hier nun darum in 15 Minuten mit umfangreichem Vorlesungswissen zur Erkenntnistheorie zu prunken und auch sonst einen möglichst töffigen Eindruck zu hinterlassen. Lief auch ganz gut, wie die direkt danach auf dem Silbertablett servierte 1,3-Note beweist.
Das letzte, was mich nun an direkter Prüfung erwartete, war die BM2-Klausur in Germanistik am Freitag (24.02). Nicht viel Zeit zum lernen also, für eine Klausur, die um einiges mehr an abspulbarem Wissen erforderte als alles bisher Dagewesene. Aber dank einem an dieser Stelle nur allzu empfehlenswerten Online-Plattförmchen namens "Cobo-Cards" (Karteikarten der modernen Welt; wegen dem kultigen Werbemännchen mit der Nase, die zur Augenbraue verschmilzt, auch gerne "Karl" genannt) ging das erstaunlich gut. Auch die Klausur lief trotz deutlich höherem Zeitdruck und einigen Ungenauigkeiten meinerseits ganz in Ordnung. Doch bei einer Durchfallquote (Tolles Wort, doch es bieten sich zu viele zweideutige Scherze an) von 40% bin ich mir unsicher, inwiefern das Gefühl aussagekräftig ist.
Jetzt bin ich also vorerst frei von den Universität. Bis Ende März wollen noch zwei schriftliche Arbeiten angefertigt werden, doch das lässt sich in der Freizeit sicher irgendwo einstreuen. Am 16. April geht sie nun erst weiter, meine Studiumsodyssee, der Stundenplan steht beinahe schon. Wenn alles in trockenen Tüchern ist, lasse ich euch selbstverständlich daran teilhaben. Doch momentan ist der Stundenplan nicht das Einzige, das ganz gewiss noch 'ungewiss' ist...


Weich wie Butter rutscht der Feierabend-Whiskey flammengleich meine Kehle hinab. Die groben Eiswürfel klirren ganz schüchtern in beinahe leeren Glas. Die Piano-Musik erklingt immer leiser, je stärker ich auch versuche durch den qualm- und polstermöbelgedämpften Raum zu horchen. Mein Blick fällt auf das alte Telefon, das unter dem hölzernen Schild mit dem Salonnamen ein bislang nur zu klingelloses Dasein fristet.
 
 

Dienstag, 17. Januar 2012

Protokoller - Ein Drama in 5 Akten

Kurz überlegte ich in der Überschrift entsprechende Bindestriche unterzubringen, um die leicht gezwungene Zweideutigkeit des kleinen Wörtchens "Protokoller" besser herüberzubringen. Ich war mir aber alsbald sicher, dass meine durchweg hochbegabten und mit Intellekt vollgepfropften Blogleser auch so verstehen was gemeint ist, und nicht fälschlicherweise annehmen, dass mir hier der innerliche Germanistik-IC auf der Suche nach der korrekten Bezeichnung für einen Protokollanten entgleist ist. Sei's drum.

Die Mitte des Januars ist schon überschritten, die Mitte meines ersten Semesters schon viel länger (etwa seit kurz vor Weihnachten). Genug Zeit ist also verstrichen, um mir und meinen Kommilitonen auch den ein oder anderen Moment zur kritischen Reflexion ob der richtigen Fächerwahl gegeben zu haben. Sätze wie "Die Klausur wird eine Katastrophe" hört man inzwischen bei uns Germanisten immer wieder, denn in etwa einem Monat winkt in beiden Basismodulen eine 90-minütige Klausur, 10 Fragen gilt es dabei schriftlich zu beantworten. Wer das Prinzip "Bulimie-Lernen" zum Abitur hin nicht allzu konsequent verfolgt hat, mag sich beim Begriff der Katastrophe vielleicht noch an den Namen Gustav Freytag erinnern, der es Schülerherden seit Generationen mit seinem pyramidalen Aufbau des klassischen, literarischen Dramas je nach persönlicher Neigung schwer oder leicht macht. In der Tragödie, einer Form des Dramas, stand die Katastrophe auch stets am Ende. Besteht da etwa ein Zusammenhang? Betrachten wir das Schema im Vergleich mit dem Semesterverlauf mal etwas genauer: 
Nach Freytag steht zu Beginn des Dramas die Exposition, in der dem Leser bzw. Theaterzuschauer die Figuren, der Schauplatz und die Grundschwierigkeit (anhand derer der zentrale Konflikt zwischen den Figuren erwächst) nahe gebracht wird. Die Handlung nimmt nun weiter Fahrt auf, man spricht vom erregenden Moment, das die Spannung steigen lässt. Intrigen, Streits aber auch die Bildung von zusammengehörigen Gruppen hängen daran. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn wir in der Tragödie an einer ganz entscheidenden Wende in der Handlung angekommen sind. Diese entscheidet über Sieg oder Niederlage, meist über Leben und Tod. Wer meint, hier sei das Drama gegessen, hat nicht mit der fallenden Handlung inklusive retardierendem Moment gerechnet. Hier geht es stramm aufs Ende zu, doch ist damit noch nicht die Spannung aus der Chose raus. Hier wird das Ende nämlich letztendlich hinausgezögert, die Chance blitzt auf, dass der Held sich doch noch retten kann bzw. gerettet wird. Am Ende steht jedoch die schon erwähnte Katastrophe, der endgültige Niedergang der Helden.
Ists mit dem ersten Semester an der Uni nicht genauso? Erst lernt man die Leute, die Umgebung und die Fachinhalte kennen, freundet sich mit den Leuten an, erlebt anfängliche Erfolge und Misserfolge mit dem Lehrstoff, was letztlich auch zu größeren Schwierigkeiten führen kann, und irgendwann kommt der Moment, der über Sieg und Niederlage entscheidet, das Ende ist schließlich schon ins Auge gefasst. Jedoch handelt es sich bei einem Studenten wie mir dabei nicht etwa um einen blutigen Drachenkampf, sondern allenfalls um Blätterkrieg. Doch ob man sich dabei anstrengt ist der Punkt, damit nicht nachher bei der Klausur ein unschön vorangestelltes "nicht" den Wohlklang und die positive Bedeutung von "bestanden" versaut. Aber in einem so angelegten Studium der Germanistik, bei dem die alles entscheidenden Klausuren ganz am Ende des Semesters angelagert sind, ist der Höhepunkt offenbar studentenbezogen sehr variabel verteilt. Viele lassen es erst garnicht zu einem Moment kommen, der über Sieg und Niederlage entscheidet, indem sie von Anfang an Vorlesung für Vorlesung akribisch nacharbeiten und somit stets auf der sicheren Seite stehen. Doch was wäre das Unileben ohne ein bisschen Nervenkitzel?
Ich bin gespannt, was die einmonatige Zielgerade noch bereit hält. Hoffen wir mal weniger auf Tragödie, als auf eine andere Form des Dramas: die Komödie. Da gibt's wenigstens ein versöhnliches Happy End.

Ich für meinen Teil komm' bislang ganz gut klar, ohne jetzt wirklich viel zu tun, was mein Gewissen vor lauter Bissen inzwischen auch schon manchmal mit vollem Mund schmatzen lässt. Aber in den letzten Tagen bin ich da deutlich aktiver geworden, auch weil bereits morgen eine "Literatur und Kultur"-Übungsklausur ansteht. Mal ein bisschen begucken, worum es sich bei meinem Endgegner so handelt.

Um den Blogtitel nun wirklich mal zu erklären: Am Wochenende habe ich doch tatsächlich mein drittes Philosophie-Protokoll des Semesters verfasst (Thema: Mal wieder Kant!), damit folgen jetzt nur noch Essays auf dem Gebiet, die bis Ende März abgegeben werden sollen. Wirklich "dramatisch" war das mit dem Protokoll jetzt nicht, wollte nur 'nen knackigen Titel aus der Lende schütteln.
Als es dann gestern in meinem Germanistik-Niederdeutsch-Seminar darum ging, dass plattdeutsche Texte durchaus auch ernste und komplexe Inhalte haben können, kam mir ein Gedanke: Wie wäre das eigentlich mit Kant auf Plattdeutsch? Kaum noch im Lichtgewitter dieses Gedankenblitzes stubste ich Sonja an, die neben mir saß und erzählte ihr von meiner neuen Lebensaufgabe. Außer einem lächelnd-skeptischen Blick kam jedoch keine ernsthafte Zustimmung von zu meiner Rechten. Eigentlich war es ja auch nur als Scherz gemeint, aber warum eigentlich nicht mal probieren? Die "Kritik der reinen Vernunft", das Mammutwerk der theoretischen Philosophie, eine fast tausendseitige Vermittlung zwischen Empirismus und Rationalismus, auf Plattdeutsch zu übersetzen müsste doch möglich sein.
Kaum zuhause flugs das Internet durchstöbert: Versucht und veröffentlicht hat es offenbar noch keiner. Und es gibt ja auch ein paar Online-Wörterbücher des Plattdeutschen, mithilfe dessen zumindest grobe Orientierung möglich ist. Gesagt, getan, hier für euch zum Abschluss mal aus dem Vorwort zur zweiten Auflage der erste Absatz meiner vorsichtigen Versuche, Germanistik und Philosophie in nie dagewesener Weise zu verknüpfen (mit Vergleich zur Originaltextstelle):
  
Kritik vun de rin Vernunft
Vörreed to'r tweeden Oplaag
Of dat Bearbeiden vun de Erkenntnisse, de to de Vernunftgeschäff‘ dortohören, de sekern Gäng vun eener Wetenschop gohn, is bald nah de Vörankamen to vertellen. Wenn dat nah bannig vöhl Möh un de Torüsten to’n Sinn kümmt, un dat Bearbeiden nu in’n Klötenpatt föhrt odder dat um to’n Sinn to komen mannigmal torüchgohn un’n annern Padd utsöken möt, odder dat ok nich möglich is de Kabbeleen över de gemeenschoppliche Will optokünnigen, denn is kloar, dat so’n Studium lange no nich de sekern Gäng vun eener Wetenschop goht, sünnern blots een Rümtappen is. Un dat is all een Deenst vör de Vernunft, den Padd uttoklamüstern, ok wenn männich Kraam opgeven warden möt, de in de gefaselte Sinn vörher binnen wor.

Originaltextstelle:

Kritik der reinen Vernunft
Vorrede zur zweiten Auflage
Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das läßt sich bald aus dem Erfolg beurtheilen. Wenn sie nach viel gemachten Anstalten und Zurüstungen, so bald es zum Zweck kommt, in Stecken geräth, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und einen andern Weg einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden soll, einhellig zu machen: so kann man immer überzeugt sein, daß ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die Vernunft, diesen Weg wo möglich ausfindig zu machen, sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne Überlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war.

(Aus: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. 2. Auflage. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1998 (=Philosophische Bibliothek))
   

Dienstag, 3. Januar 2012

Dinner for Eight


Verehrtes Publikum, meine Damen und Herren: Wir befinden uns hier im Acht-Bett-Zimmer von ebenso vielen Chaoten im ehemaligen St. Clemens-Kloster, dem heutigen Hostel "Three Little Pigs" in Berlin. Äh, die Namen dieser Schießbudenfiguren verschweigen wir nicht, aus Gründen der gezielten Indiskretion. Jeder hat seine sieben besten Freunde zu einem Silvesterwochenende eingeladen und nur für sich selbst bezahlt. Und ich möchte Ihnen jetzt die Bettbelegungsreihenfolge bekanntgeben: Im auf dem Foto nicht zu sehenden Hochbett ganz links wird Michelle schlafen, im Bett darunter Justin, im linken Hochbett hier auf dem Bild Jacqueline, darunter Jana. Das Bett zur Rechten des Fensters (leider verdeckt) wird von Beeke belegt, während im Hochbett darüber Ole nächtigt. Im penetrant erleuchteten Bett rechts aus Sicht des Fotografiebetrachters macht es sich Andre gemütlich, direkt ein Stockwerk höher haut Philip den Rest des Zimmers und seine Bewohner in die Pfanne. Und schlafen tut er dort auch.
Ähm, meine Damen und Herren, es ergibt sich dabei leider eine kleine Schwierigkeit. Die acht Zeitbewohner dieser heiligen Hostel-Hallen sind nicht mehr die Normalsten, wir feiern hier ein Fest der Freaks, und sie haben ihre besten Freunde längst in den kollektiven Wahnsinn getrieben. Die Letzte haben sie erst wenige Tage vor Reiseantritt mit ins Boot geholt. Dennoch wollen die Acht auf diese Silvesterreise nicht verzichten. Und da die Damen und Herren aus verständlichen Gründen euphorisiert sind, werden sie von dauerwitzelnden und -lachenden Schatten ihrer selbst vertreten. Das ist alle die vorherigen Treffen immer recht gut gegangen, und es wird auch heute wieder gut gehen, denn der Ablauf dieses "Dinner for Eight" ist minütlich ein anderer. Einer wird immer wieder fragen: "One round of Uno?", auf Deutsch wörtlich übersetzt: "'Ne Runde Uno?". Und ein anderer wird antworten: "Yeah...", "Joa" (Wobei eine besondere Betonung auf "Yeah", "Joa" liegt).
Nun, auch das weitere Gespräch zwischen den acht Individuen ist sehr interessant, es ist völlig von Belang. Sie werden also diese ungewöhnlichste Silvester-Reise, die es je gab, ohne Mühe verfolgen können. Ich wünsche Ihnen sehr viel Vergnügen, meine Damen und Herren, verehrtes Publikum, und hier geht's los.

Am 30.12.2011 um Punkt 8:45 Uhr war die Gruppe, bestehend aus Jana, Jacqueline, Michelle, Beeke, Ole, Andre, Philip und meiner Wenigkeit im Oldenburger Bahnhof zusammengeströmt. Taschen und Koffer machten es sich baumelnd oder hinterhergezogen an unseren Extremitäten bequem, während die Rucksäcke die Wirbelsäulengegend vorzogen.
Ab ging die wilde "Quer-durchs-Land"-Fahrt zunächst mit der Regierungsmaschine unseres Bundespräsidenten, dem RS1 (Er saß zusammengekauert in der Gepäckablage und murmelte Worte wie "Privatkredite" und "Medienhetze" vor sich hin). Leider handelte es sich doch um keinen schienengebundenen Air-Force-One-Ableger, sondern um eine Regio-S-Bahn nach Bremen. Weitere Umstiege der Nahverkehrtuckelei waren Uelzen, Stendal und Rathenow. Wem diese Ortsnamen schon von einem anderen Blog bekannt vorkommen, dem ist bewusst, dass die Zugfahrt für Jana und mich besonderen, emotionalen Charakter hatte. Schließlich hatten wir diese Städte, sowie die Zwischenhalte Hude, Achim, Soltau, Munster, Wieren, Salzwedel, Schönhausen und Wustermark, vor etwas über vier Monaten weitestgehend per pedes erkundet. So manches freudige Erinnerüngchen sauste durch unsere Köpfe, als wir es in Richtung Osten taten: "Ah genau, hier war...", "Und hier haben wir...", "War das nicht da hinten, als..." und "Ich glaub' da könnte ... gewesen sein. Der Baum da sieht so aus, wie der eine auf dem einen Foto" waren dementsprechend nur einige der Satzanfänge in unseren Dialogen.

Wo steht ein Bahnhof, so sauber, so fein?
Das kann nur in Schönhausen sein.
Am Hostel angekommen, an einer erleuchteten Figur der Mutter Gottes vorbei, machten wir uns nach Erhalt der weißen Plastikzimmerkarten mit diesem zusätzlichen Gewicht auf in den fünften Stock, zu unserem Zimmer 507. Der Fahrstuhl, der wohl eher ein umgebauter Speiseaufzug war, machte sich mit drei Damen unserer Reisegruppe auf die Reise. Gut, dass wir restlichen Fünftstöckler die Treppe vorzogen, schließlich stellte der Aufzug von Zeit zu Zeit gern neue Negativ-Rekorde in Sachen Geschwindigkeit auf. Ein Teil unserer Gruppe ist glaube ich noch heute in dem Schacht verschollen.
Merklich aus der Puste war auch das Finden des Zimmers ein kleines Abenteuer. Durch finstere bzw. gekonnt mystisch ausgeleuchtete Korridore in den verwinkelsten Formen behielt man in dieser Hostel-Version des Overlook-Hotels aus "Shining" kaum den Überblick (Wortwitz bemerkt? Overlook - Überblick?). Der Irrgarten aus dünnen Fluren führte uns dann aber doch noch zu der orangenen Holztür, hinter der wir für die nächsten Tage Rabatz machen sollten.

Nach erfolgreicher Einnahme des Gebietes und der Verteilung der Betten und Schränke ging's erstmal zum Krisengipfel in der Lobby mit dem Thema "Abendessen". Die Gemeinschaftsküche in der vierten Etage des Hostels stand uns zur Verfügung, und das sollte ausgenutzt werden, soviel war klar. Jana erklärte sich bereit alle Menüs der Welt auf Zuruf zuzubereiten. Ein Umstand, der unsere Mägen noch freundlicher grummeln ließ und ihr die Rolle der "Mama" unserer achtköpfigen Patchworkfamilie zuteilte (Nicht deine Lieblingsrolle, ich weiß, Jana). Der Klassiker Pfannkuchen wurde aus unerfindlichen Gründen mehrheitlich abgelehnt, selbstgemachte Pizza sollte das Nahrungsmittel der Stunde sein. Ein kleiner Einkauf beim nahegelegenen ALDI klärte die Situation, auch Sekt für den Silvesterabend landete schonmal im Einkaufswagen.
Nach souveräner Zubereitung von drei verschiedenbelegten Blechen, noch souveränerem Verputzen dieser in unserem Zimmer und ebenfalls gekonntem Einräumen der Gemeinschaftsküchenspülmaschine machten wir uns zusammen auf den Weg zum Brandenburger Tor. Es war deutlich Abend geworden, die Stadt lebte friedlich vor sich hin. Diese Ruhe vor dem Sturm mussten wir noch einmal genießen, bevor einen Tag später (so schon unsere Vorstellungen) sicher das heillose Chaos ausbrechen würde.


Die große Bühne war natürlich schon aufgebaut, den ganzen Tag über probten bereits vereinzelt Künstler. Kameras, Mikrophone, sowie das Soundsystem wurden eingestellt für eine der größten Silvesterpartys der Welt, die größte und meistbesuchte Deutschlands. Anstatt den Technikern ins Handwerk zu pfuschen beschränkten wir uns bei einem Spaziergang auf Gruppenfotos und kleinere Blödeleien um den Potsdamer Platz, das Brandenburger Tor, den Reichstag (Nicht nur Schriftverkehr zwischen Beamtinnen und Beamten in der Gegend!), das Kanzleramt ("Entschuldigung, wir sind die neuen Nachbarn, haben Sie vielleicht etwas Zucker für uns, Frau Merkel?") und den Hauptbahnhof.
Nach der S-Bahn-Tour zum Hostel bequatschten wir noch ein bisschen den Plan für den großen Tag, bevor wir ein Stück weit erschöpft in unsere Kissen fielen. An diesem Abend war es noch ruhig.

Obligatorisches Gruppenbild vorm Brandenburger Tor.
(Der Dritte von links hat sich selbst auf das Foto geschummelt)










Blinzelnd nahm ich am nächsten Tag gegen 8 Uhr morgens wahr, dass im Einklang mit meinen Erwartungen noch keiner wach war. Außer mir meine ich natürlich. Doch schon eine halbe Stunde später regte es sich im Bett über mir. Michelle war wach, ein Gesprächspartner gefunden! Wir setzten uns an den Tisch und flüsterten so über Gott (schließlich waren wir im Kloster!) und die Welt, bis sich vereinzelt Menschen um uns herum regten. Ich brachte Jacqueline ihre Brille vom Schrank, die ich am Abend zuvor auch dienstbotengleich dorthin gebracht hatte. Mein Nebenjob für diese vier Tage! Kurz konnten wir auch sie in unser Gespräch einbinden, doch der Funke zum Aufstehen wollte nicht überspringen. Gut, dann sind Michelle und ich eben Brötchen holen gegangen.
In einer ominösen selbsternannten "Bäckerei", in der es fast ausschließlich Aufbackbrötchen zu kaufen gab, bestellten wir die Frühstücksgrundlage inklusive einiger Sonderwünsche à la Weltmeister- oder Sesambrötchen. Zwar gab es das Ganze nur in einer dünnen Plastiktüte, aber der Laden war so sauber, dass man ohne Probleme vom Boden hätte essen können.
"Guten Morgen, meine Damen!", schallte ich ins Zimmer als wir mit den erlegten Getreideprodukten zurückkehrten. Viel hatte ich nicht erwartet, aber ein komplettes Zimmer noch/erneut schlafend aufzufinden, nun auch nicht. Irgendwie bemühten sich die Herrschaften dann allerdings doch aus den Federn und wir machten uns ein nettes Frühstück mit "ausgeliehenem" Besteck aus der Gemeinschaftsküche.

Ein nächster Spaziergang führte uns dann gut genährt in Richtung Alexanderplatz, also einfach immer dem Fernsehturm nach. Erstmals trennte sich unsere Gruppe, denn Jacqueline wollte sich im Hauptbahnhof auf die Spuren ihrer auf der Hinreise verlorengegangenen Tüte begeben (Inhalt: Kulturbeutel, Handtücher, Stabmixer), während es Philip und Andre bereits nach Fleisch gelüstete, wohingegen der Rest der Truppe einen Asiaten zum Mittagessen ins Auge gefasst hatte (Ein Fast-Food-Restaurant, keinen lieben Mitbürger!).
Ich schloss mich also Jana, Michelle, Beeke und Ole an, um bei "Happy Noodles" einzukehren, einem durch die Bank weg zu empfehlenden Lokal. Sehr günstig, frisch und lecker waren meine Nudeln mit Ente, und ich habe mir sagen lassen, dass auch das Sushi dort nicht von der Bettkante zu stoßen ist. Also hin da!
Ein wenig durchgefroren zurück im Hostel, kamen wir auf die Idee heißen Kakao mit Baileys zuzubereiten. Mit einem großen Kochtopf, Milch, Schovit-Fertigpulver und einigen Schüssen des Alkohols wurde es schnell warm im Zimmer 507, nachdem wir das komplizierte Mixgetränk in der Küche zubereitet hatten.

Die Bühne bei den morgendlichen Soundchecks
und Bildschirmtests.
Auch an unserem Silvester durfte selbstverständlich der TV-Klassiker "Dinner for One" nicht fehlen. Erst gab es eine improvisierte Live-Version mit ebenso improvisierten Requisiten von Jana "Miss Sophie" und mir, Justin "James". Als Tigerfell musste eine zweifelhafte Kombination aus Jacken und meiner Hose herhalten (das Ganze sah eher aus wie eine Leiche), der Fisch war eine eingerissene Scheibe Mortadella, das Hühnchen eine zurechtgedrückte Scheibe Salami, die Früchte eine Mandarine, und sowohl Sherry, White Wine, Port und Champagne wurden von "Lichtenauer"-Mineralwasser vertreten.
Als das Gag-Feuerwerk kurz vor der Voll-Eskalation war und sich das gellende Gelächter zwischen den begeisterten La-Ola-Wellen der übrigen Zimmergenossen phasenweise durch den Raum schob, war es Zeit das Stück in der original NDR-Aufzeichnung zu sehen. Dank Philips Laptop kamen wir in den Genuss von Frintons und Wardens brilliantem Spiel. Fast so gut wie unseres jedenfalls.

Inzwischen gingen draußen schon die ein oder anderen Raketen und Böller in die Lüfte, es war immerhin auch schon 18:30 Uhr. Die Mädels machten sich fertig, während wir Herren der Schöpfung klischeeerfüllend schon bereit zum Abmarsch waren.
Obwohl wir ja nun relativ spät in die Nähe des Brandenburger Tors rückten, kamen wir überraschend gut und nah an die Bühne heran. Ein bisschen was zu spachteln und schlürfen musste auch noch sein, bevor wir unseren festen Stehplatz bis zum Jahreswechsel einnahmen. Aufgrund der horrenden Preise schmeckte alles doppelt so gut.


Die ersten Künstler betraten die Bühne schon weit vor der ZDF-Fernsehaufzeichnung ab 21:45 Uhr, so zum Beispiel Ausnahmesänger Ben Jaimen, dessen Songs ausnahmslos begeisterungsarme Reaktionen hervorriefen. Auch ein kleiner Kinderchor mit einer "We Are The World"-gleichen Schmonzette konnte seine Bemühungen nicht retten. Cassandra Steen machte ihre Sache mit ihren insgesamt drei über den Abend verteilten Auftritten schon deutlich besser. Dezent wurde man durch animierte Werbebanner auch daran erinnert, wer die Veranstaltung hauptsächlich finanziert hat. Seitdem fahre ich nur noch in meinem neuen VW-up! zu meinen Weight Watchers-Treffen, mit zwei Flaschen Coca Cola in den Getränkehaltern.
Auch die anderen Künstler, anmoderiert von Mirjam Weichselbraun und Joko & Klaas verkürzten uns die Zeit bis zum Ende von 2011. DJ Ötzi, DJ Bobo, Frida Gold, Johnny Logan, Marianne Rosenberg, Kim Wilde, The BossHoss und die Hermes House Band waren dabei die prominentesten Vertreter. Schnell ging sie herum, die letzte Zeit in diesem Jahr, bevor dann um 23:45 Uhr Großmeister Udo Jürgens auf die Bühne kam und in einem Medley zeigte, dass mit 66 Jahren das Leben wohl wirklich erst anfängt.
Dann war es soweit: Gemeinsames Runterzählen der letzten Sekunden des Jahres mit einer Million Menschen. Schon ein cooles Gefühl. 2012! Die Raketen stiegen in alle Himmelsrichtungen hinauf, der Himmel war wirklich ein einziges, funkelndes Farben- und Lichtermeer. Und dazu kamen fast unbemerkt die Scorpions auf die Bühne, um mit den berühmten Pfeiftönen vom "Wind Of Change" das neue Jahr willkommen zu heißen. Auch Mitsummen von einer Million Menschen ist ein cooles Gefühl.
Trotz großen Andrangs blieb unsere Gruppe gut beisammen, bis auf Beeke und Michelle, die sich bereits einige Stunden zuvor abgekapselt hatten, um das Feuerwerk von einer Brücke möglichst gut bestaunen zu können. Umarmungen und schöne Wünsche im Freundeskreis mitten in der riesigen Silvestermeute waren die perfekte Kombo von persönlich und groß feiern.
Als die Scorpions auch nach nur drei Songs ihre Gitarren beiseite legten, stürmte DJ Ötzi erneut auf die Bühne um den Menschen mit seinem "Stern" Gutes zu tun. Daraufhin half dann nur ein Apfelpunsch und der Rückweg ins Hostel, um dort gemeinsam mit unserem Sekt anzustoßen.


Dieser Rückweg war mehr eine Mischung aus Arabischem Frühling und Drittem Weltkrieg als eine beschauliche Silvesternacht. Scherben und Feuerwerkskörper en masse auf den Straßen, vereinzelt umherliegende Menschen, Sirenengeheul. Doch im Zimmer war's wieder erstaunlich ruhig.
Ein gemeinsames Hoch also auf 2012, als wir Michelle und Beeke schließlich wiedertrafen. Den Sekt schenkten wir dafür in unsere leergetrunkenen Kakaobecher, die auch schon beim "Dinner for One" zum Einsatz gekommen waren. Skál und Cheerio, allerseits! Gut gelaunt ging es dann nach einigen Gesprächen und dem Beobachten vom Geschehen in der Dusche durch das Fenster gegenüber allerdings relativ schnell ins Bett. Gegen 02:30 Uhr lagen wir. Auch an diesem Abend war es noch ruhig.

Morgens um 13:30 Uhr, das Zimmer regt sich so langsam. Während ich natürlich wieder zwei Stunden vorher wach war, verdichteten sich um mich herum die Hinweise, dass dies ein ruhiger letzter Tag im Hostel werden würde. Wurde es dann auch, denn viel war vom Tag ja nicht mehr über. Zwei, drei Uno-Partien also, und schon war's Abend.
Die Gemeinschaftsküche war ausnahmsweise leer, als wir das Abendessen (Nudeln!) diesmal direkt dort zu uns nahmen. Bei der ausgedehnten Uno-Partie mit vollem Bauch entschieden wir uns dann dazu, auch heute Abend noch Berlin zu erkunden. Die Gruppe aus Jana, Michelle, Beeke und Philip wollte sich erneut zu "Happy Noodles" kämpfen, um günstiges Sushi abzugreifen. Jacqueline, Ole, Andre und mich trieb es eher zur Siegessäule.

Nudelzubereitung in der Gemeinschaftsküche hat auch seine
angenehmen Seiten!
Als wir dort ankamen, zuvor durch das gestrige Festgelände, das nun schon wieder deutlich aufgeräumter war, fanden wir heraus, dass keiner von uns eine Ahnung hatte, aus welchem Grund die Siegessäule erbaut wurde. Fast von einem wütigen Taxi im Kreisel erfasst, errieten wir verschiedene Bildelemente der Reliefs am Sockel. Krieg, Frankreich und Bismarck haben wir so herausgefunden, gar nicht mal so schlecht. Hättet ihr gewusst, dass sie von 1864 bis 1873 als Nationaldenkmal für die Einigungskriege erbaut wurde? Stand dann auf 'ner Infotafel am Rande des Platzes.
Ein mutiger Fußmarsch trieb uns südwärts (die Viktoria auf der Siegessäule blickt nach Westen). Vorbei an den Botschaften von diversen Kleinststaaten wie dem Königreich Bahrain und Luxemburg, landeten wir schließlich an einer U-Bahn-Brücke. Hier meinte ich, wäre Janas und mein Hostel/Hotel von unserer Odyssee gewesen, also war ich überzeugt meine Gruppe dahinführen zu können. Leider war es dann doch nicht da wo gedacht, wir entdeckten lediglich einige locker bekleidete Damen vor einem Stehcafé. Also ab zurück zum "Three Little Pigs"-Hostel, mit kleinem Weg über das zufällig aufgetriebene McDonalds am Potsdamer Platz. Die anderen waren bereits da und hatten Freude. Leider nicht an unserer Darbietung einer "Qué sera"-singenden, betrunkenen Gruppe, sondern irgendwie an Uno.
Es folgten einige seltsame Ereignisse vor dem zu Bett gehen, deren Erwähnung zwar nicht vollkommen peinlich wäre, aber auch nicht gerade Visitenkartenstatus erreicht. Nur soviel: Michelle wurde mit Lippenstift bemalt, Jana setzte sich in Siegerpose auf Michelle, Jacqueline und Jana kämmten sich die Haare zu spiegelverkehrten Zöpfen und spielten siamesische Pippi Langstrumpf, und kaum im Bett tauschten sich die Mädels ungeachtet der anwesenden männlichen Zunft über Frauendinge aus. Achso, und Jana ist in Michelles Hochbett geklettert und hat Jacqueline in ihrem Hochbett bis zum Entsetztensschrei erschreckt. Es folgte eine kleine Verfolgungsjagd durch die obere Hosteletage. Gegen 03:15 Uhr wurde es dann ruhiger, selige drei Stunden Schlaf waren also noch übrig. Von wegen ruhige Nacht!

Sanft wurden wir morgens geweckt!
Perfekt durchkoordiniert war dann allerdings der Morgen, der bis auf eine noch zugeschlossene Küche um 7 Uhr zeitlich perfekt auf unsere veranschlagte Abreisezeit 8:30 Uhr passte. Gut, dass ich einen Tag zuvor ein neues Treppenhaus entdeckt hatte, dass direkt vor unserer Zimmertür nach unten führte. Zwei Flure weniger zu laufen!
Nach einem Frühstück mit Aufbackbrötchen und dem zweckmäßigen Aufräumen des Zimmers machten wir uns pünktlich auf den Weg zur S-Bahn. Jana war bereits vorgefahren, um noch Donuts für die ganze Bagage zu besorgen. Wir trafen sie dann an der Station Friedrichsstraße, bis zu der Michelles Koffer es nur noch in Teilen schaffte. Anstatt ihn hochzuheben, musste sie den Trolly natürlich kindlich die Treppenstufen einzeln herunterpoltern lassen. Das hatte der Griff nicht so gern, murrte nicht lang rum und brach ab.

Die Rückfahrt verlief noch butterweicher als die Hinfahrt, wenngleich einige kleine Stressphasen (Rennen um den metronom in Hamburg noch zu bekommen!) die Entspannung minderten. Doch die Donuts, die wir auf dem Weg durch Brandenburgs Einöde kosteten, entschädigten schon im Vorraus für Einiges. Über Schwerin, Hamburg und Bremen landeten wir am 02.01.2012 wieder sicher in Oldenburg.

Was bleibt mir nach diesem Hammer-Eintrag noch zu sagen, als dass es ein wirklich sehr schönes Silvester war? Ein gebührender Abschluss für ein Jahr voller toller Erlebnisse mit tollen Menschen, vieler Veränderungen und einschneidender Ereignisse. Und das mit einer handverlesenen Auswahl von Freunden, die mein Jahr entschieden so positiv mitgeprägt haben. Mit Jana als unschlagbarer Odyssee-Begleitung, mit Jacqueline, Michelle und Ole unter anderem als beinharter Kern des Abizeitungskomitees, und mit Philip als nach wie vor gutem Kumpel. Und Beeke und Andre sind auch verdammt cool, das ist mal klar.
Es war mir eine Ehre, Leute! Nächstes Jahr Nordpol, 24 Stunden Silvester. Wie wir da die Nudeln zum Kochen bringen wollen, ist mir allerdings noch nicht ganz klar.
 

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Nicht nur die Kerze scheint...

So kurz vor Weihnachten wird die Uni immer leerer. Einen Großteil der Studenten zieht es verständlicherweise jetzt schon zurück in die Heimat (sehr variable Größe), bevor aus dem heiligen Abend ein eher eiliger Tag in Zug und Bus wird. In meinem Seminar zur Erkenntnistheorie brachte es unsere Dozentin in Angebetracht der lichten Reihen auf den Punkt: "Ich wusste, da ist etwas faul, als ich heute morgen direkt einen Parkplatz bekam."
  
Doch nicht nur die Uni leert sich. Auch die eigentlichen, weihnachtlichen Werte wie Besinnlichkeit, familiäre Gemütlichkeit, Frömmigkeit und Frohsinn werden ausgehöhlt und blank(oscheck)geleckt. Damit meine ich selbstverständlich nicht nur diesen so grausamen Kommerz in unserer so erschütternden Klassengesellschaft, der mich als freidenkenden Student und ehrenamtlichen Schafwollschal-Träger im Bioladen am Regal zwischen dem lactosefreien Maracuja-Joghurt und den Sisal-Untersetzern erst kürzlich zu einem spitzen Entsetzensschrei verleitete, sondern auch das "tote Fleisch" der Weihnachtswelt. Die Bezeichnung bedarf einer kurzen Klarstellung, denn die Festtagsente oder ältere Verwandte sind nicht gemeint. Reden wir von "Gemütlichkeit", von "weihnachtlicher Besinnlichkeit", gar von "glücklichen Festtagen", schmort der Docht dieser Wertekerze meist doch allenfalls nur noch. Aber das Interessante an Weihnachten ist ja eben, das die Kerze trotzdem Licht spendet. Weil wir uns so zusammenreißen den (Kerzen-)Schein zu wahren. Die Phrasen und ihre eigentlichen Inhalte sind garnicht mehr entscheidend, da wir spätestens mit "Last Christmas" Mitte November und Printen Mitte August in den Flow kommen. Wham! Schon ist es da, das Weihnachtsfeeling. Alle singen mit, keiner versteht den Text, alle sind glücklich, keiner ist allein. Gefühle statt Inhalt.
Doch auch die Gefühle werden bei unpassenden Geschenken, pieksenden Strohsternen und tristem Regenwetter auf eine harte Probe gestellt. Der Wasserstand im Gefühlsglas kann erheblich sinken. Doch ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist, entscheidet jeder im Geheimen für sich. Allenfalls nach Weihnachten kommt es beim Kassenbonherauswühlen kurz vorm Umtauschansturm zu Gesprächsfipseln à la "Also dieses Jahr war's irgendwie nicht so wie sonst". Früher war eben einfach mehr Lametta.
  
Viel Freude bei einem kleinen unperfekten Medley meinerseits, dass eure Weihnachtsgefühle auch auf die Probe stellt. Doch mit unseren rosaroten Hörgeräten lauschen wir doch auch dem grausigsten "Jingle Bells" auf dem miefigsten Weihnachtsmarkt mit gülden frohlockendem Herzen. Oder eben einem eher unweihnachtlichen Boogie-Potpourri auf einem verstimmten Klavier mit "Great Balls Of Fire", "Danny Boy", "I Don't Hurt Anymore", "Miss The Mississippi And You", "You Belong To Me", "Come What May" und dem einzigen Weihnachtssong dabei, "White Christmas".


Euch allen ein wirklich frohes und gemütliches Weihnachtsfest!
  
P.S: Heute war ich so kurz vorm weihnachtlichen Torschluss mit meiner beidfächigen Studiumskollegin Sonja noch in einem interessanten Gastvortrag aus der Germanistik mit dem ansprechenden Titel "Die Geschichte der Ostfriesenwitze". Wiard Raveling, ehemaliger Lehrer am Gymnasium Westerstede, klärte uns über die Entstehung dieser Witzart (die den sogenannten "Dummenwitzen" zugehörig ist) und auch etwas über die Theorie und Thematik der Ostfriesenwitze auf. Schnell entwickelten sich die Witze eigenständig nach ihrer Entstehung gegen Ende der 60er Jahre an eben dem Westersteder Gymnasium und seiner Schülerzeitung.

Also geb' ich mal noch einen zum Besten, der dezent auf die Getränkevorliebe des munteren Völkchens abzielt:
Welche Forderung der Französischen Revolution konnten die Ostfriesen eigentlich als einzige nachvollziehen? Liberté.
 

Sonntag, 11. Dezember 2011

Cogito ergo sum

Vor dem wärmenden Kamin im Winterrocke angetan, mit einem guten Buch in den Händen, widmen wir uns in der Vorweihnachtszeit doch gerne einmal der Philosophie. Aus entsprechendem Grunde hier ein wohliger Blick auf die Erkenntnistheorie, für euch, mit Philosophie-Franzacke René Descartes, seinen zweifellos zweifelreichen Meditationen und mir als bescheidenem Leser, Übermittler und (nur um der wohligen Gemütlichkeitsgefühle willen) Lesebrillenträger. Erstveröffentlichung dieses wellenschlagenden Werkes war auf Latein im Jahre 1641 unter dem Titel "Meditationes de prima philosophia". Mediationen sind hier nicht dem heutigen Begriff gleichzusetzen, hier handelt es sich um eine argumentativ aufgebaute, wissenschaftliche Arbeit. Eine Art Essay, wenn man so will.
Also taucht ein in die Frage: Was können wir überhaupt wissen? Woran kann man alles zweifeln? Besser noch, damit wir schneller durch sind: Woran kann man eigentlich nicht zweifeln, was ist tatsächlich unzweifelhaft garantiert? Descartes führt seine Leser durch seine Gedanken zu diesen tiefschürfenden Fragen menschlicher Existenz...


Nachzulesen ist die erste Medition (ebenso wie die anderen fünf von Descartes) beim Projekt Gutenberg von SPIEGEL ONLINE, jedoch in etwas anderer Übersetzung.
 

Sonntag, 4. Dezember 2011

Tagesbericht Revisited

Eine ganze Weile ist es her, dass ihr alle einen knackefrischen Tagesbericht von Jana und mir bekommen habt. Viele Gründe gibt es dafür, doch jetzt ist es soweit: Der 'Tagesbericht Revisited' mit fröhlichem "Glück Auf!" aus Clausthal-Zellerfeld! Thematisch überaus breit, mit trocknenden Socken, Fechtkünsten und brandneuen Reiseplänen für 2012...
Wer des Öfteren die Länge und Langatmigkeit unserer Berlin-Videos bemängelte, wird sich nun sehr über dieses Video freuen, welches beide Aspekte mit ganzen 20 Minuten Länge noch toppt. Aber durchhalten lohnt sich, obwohl wir auch im Video nicht annehmen, dass das jemand tut. Außer Marion vielleicht, an dieser Stelle die besten Grüße an Janas Mutter, den Super-Fan!


Schon die Anreise zu Jana lief trotz dreimaligem Umstieg wie geschmiert und war außerdem auch nicht ereignislos. Nach japanischen U-Bahn-Zuständen im Regionalexpress nach Hannover (ab Bremen gab's dann sogar 'nen Sitzplatz) führte mich das nächste Umsteigen in einen weiteren Regio, diesmal weiter nach Goslar, um von dort aus mit dem Bus direkt zu Jana kutschiert zu werden. Auch dieser Zug war sympatisch mit Fahrgästen gefüllt, doch ein einstündiger Stehplatz in einer Art Zwischenabteil tat sein Bestes mir eine angenehme Reise zu ermöglichen.
Von meiner Position konnte ich drei Damen beobachten, die sich in bezwitscherter Feierlaune auf Klappsitze gedrängt hatten. Der Klassiker zur Weihnachtszeit in der Deutschen Bahn also, dieses Grüppchen semi-nüchterner Glühweindrosseln. Vermutlich eine Splitter-Partei aus einem ehemals existenten Kegelclub, quasi Kaffeekranz goes Weihnachtsmarkt. Jedenfalls betrachtete ich diese besondere Form der personifizierten guten Laune aus kleiner Distanz. Auf dem Kopf, den jede der drei verjährten Grazien aus unerfindlichen Gründen auf dem Hals sitzen hatte, schmückte ein Plastik-Heiligenschein jeweils das glucksende Kichern der Besitzerin. Ganz interessant gemacht eigentlich: So ein durchsichtiger Haarreif (die Illusion soll ja perfekt bleiben) an dem zwei kleine weiße Stangen wie bei einer Fernsehantenne herausragten, worauf der mit Glitter bestückte Heiligenschein rastete. Erzengel Gabriel wäre wohl kaum neidisch, und hier sind wir auch schon bei der Selbstbezeichnung der Ladys. Wähnten sie sich als Engel, so konnte ich mir die Bemerkung "Och guck mal, die drei Verkehrstoten von der letzten Entgleisung sind auch wieder dabei" knapp verkneifen. Ausstieg war auch für diese Regio-Version der Heiligen Dreifaltigkeit (und Falten waren da wirklich einige zu verzeichnen) in der Weihnachtsmarktstadt Goslar. Von diesem Moment waren sie nicht mehr gesehen.
Kurz vor meinem Ausstieg bekam ich erstens eine SMS von Jana mit dem Inhalt "Es schneit", was meiner Vorfreude, die hohen Berge vom Zug aus bereits beobachtend, noch ein "Verrückte Welt"-Lächeln hinzuaddierte. Zweitens warf ich einen genaueren Blick auf ein Werbeplakat der Bahn für Winter-Harzreisen. Anstatt mit literarischen Bezügen wie mit Heines sehr lesenswerter Harzreise aufzuwarten, entschied man sich lieber für Bildgewalt, nämlich eine grinsend-angegraute Frau (und damit dem Klischee des Harzbesuchers sehr gut angepasst). Diese Frau hält ein Fernglas in der Hand und betrachtet selbstverständlich aus der Bahn heraus offenbar den fernen Brocken. Doch irgendwie kommt mir das Fernglas seltsam vor. Etwa so, als würde sie in das falsche Ende sehen, da die Gucklöcher doch eindeutig dem aufmerksamen Betrachter zugerichtet sind. Dumm gelaufen, merkt ja keiner.


Der Rückweg nach stürmisch-emotionaler Verabschiedung von Jana um 19:15 Uhr verlief da schon deutlich ruhiger, bis auf eine Reisegruppe mit zwei Personen, die mich im Regionalexpress nach Oldenburg beläs... äh unüberhörbar unterhielten. Die beiden waren nun schon seit über einem Tag mit der Bahn auf dem Weg nach Sylt oder so, und aufgrund unglücklicher Umstände hatten sie ihr gesamtes Gepäck vorrausgeschickt und verpassten immer Züge. Um 0:00 Uhr war ich pünktlich zum zweiten Advent zuhause, den ich hier an dieser Stelle jedem schön wünschen möchte. 
Schließen wir den Post doch einfach mit einem kleinen Ausschnitt aus Heinrich Heines Reisebericht aus dem Harz, denn auch durch das damals noch Klausthal-Zellerfeld geschriebene Städtchen trieb es den Dichter. Auch wenn seit der Niederschrift 1824 inzwischen 187 Jahre vergangen sind, konnte ich viele Beobachtungen in sehr ähnlicher Weise machen. Man ersetze vielleicht der Aktualität willen jedes "Bergarbeiter" und "Bergmann" mit "Student", das kommt dem Ganzen dann schon sehr nahe.

Die meisten Bergarbeiter wohnen in Klausthal und in dem damit verbundenen Bergstädtchen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieser wackern Leute, betrachtete ihre kleine häusliche Einrichtung, hörte einige ihrer Lieder, die sie mit der Zither, ihrem Lieblingsinstrumente, gar hübsch begleiten, ließ mir alte Bergmärchen von ihnen erzählen und auch die Gebete hersagen, die sie in Gemeinschaft zu halten pflegen, ehe sie in den dunkeln Schacht hinuntersteigen, und manches gute Gebet habe ich mitgebetet. Ein alter Steiger meinte sogar, ich sollte bei ihnen bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abschied nahm, gab er mir einen Auftrag an seinen Bruder, der in der Nähe von Goslar wohnt, und viele Küsse für seine liebe Nichte.
  
(Heine, Heinrich: Die Harzreise. Leipzig: Reclam Verlag)
  

Freitag, 25. November 2011

Bahnsteiggedanken

Kaum aus dem Donnerstagabend-Bus heraus, von Katzer nach dem tollen Sonnebornauftritt verabschiedet, stand ich nun da: Um kurz nach 23 Uhr auf einem kalten, verlassenen Bahnsteig in Oldenburg. Da helfen nun wirklich nur noch warme Gedanken...

Ein Mann, eine Partei

"Guten Abend hier in Dings", begrüßt uns Martin Sonneborn im Bibliothekssaal der Uni, routiniert und trocken. Denn der Mann, der seit einiger Zeit nach der Macht in Deutschland greift und seit noch einigerer Zeit als Satiriker mit Anbetungsstatus durch die Landen reist, hat eins mit Gewissheit: Erfahrung mit der Unvertrautheit, Vertrauen in die Unerfahrenheit, der Improvisation. Er hat es nicht nötig, die Stadt zu kennen, in der er seinem Publikum schlechten Kleidungsstil und grenzenlose Rückständigkeit vorwirft. Zumindest lässt er es uns glauben, als er in unschuldiger Pose hinter einem kleinen Tischchen mit aufgeklapptem Apple-Notebook Geschichten erzählt. Es ginge in erster Linie um Propaganda, sagt der GröVaZ (Größter Vorsitzender aller Zeiten) Sonneborn höchstpersönlich, für seine Partei "Die Partei".


Mit Sebastian, im Folgenden auch Katzer genannt, traf ich mich also um 19:30 Uhr vor der Unibibliotheksdrehtür. Schon zuvor hatte ich von außen durchs Fenster Blickkontakt zu Sonneborn aufgebaut, der im noch publikumsleeren Saal die Technik begutachtete und auch selbst mit Hand anlegen musste. Leider war der Blickkontakt noch nicht vice versa, so auffällig war mein Nach-Innen-Starren in zivil-schwarzem Mantel dann wohl doch nicht.
Mit einem Pulk von Menschen strömten Katzer und ich in den blau-rot ausgeleuchteten Bibliothekssaal und entschieden uns für die erste Reihe. Unsere beiden Stühle stachen fröhlich gefärbt aus der sonst dunklen Sitzreihe hervor. Das waren nun schon zwei Gründe, die uns im Vorfeld ein wenig zu nervösem Händereiben veranlassten. In der ersten Reihe auf zwei drolligen Lehnstühlen, die dem Vortragenden ein unmissverständliches "Hallo, hier sind wir!" entgegengrölten? Einem Vortragenden, der in der nationalen Presse mit diversen pointierten Titeln gehandelt wird? "Deutschlands bösestem Satiriker" (Rheinischer Merkur), dem "Partisan der Parodie" (Die Welt)? Die immer wieder um Seriosität bemühte "Sun" aus England watschte ihn dagegen komplett ab: "Total krank, sehr verletzend und überhaupt nicht witzig!" Wenn eines an diesem Abend nicht klappt, dann ist es Sonneborn im Vorfeld der Veranstaltung für heute einzuschätzen.


Doch dann kommt sie schnell ins Rollen, die ausverkaufte Veranstaltung aus der Reihe "Komische Zeiten" der Unibibliothek. Martin Sonneborn erzählt die Geschichte der "Partei", die er zwar selbst als inhaltsleer und populistisch ausweist, aber im Vergleich mit anderen Parteien nicht inhaltsleerer oder populistischer ansieht. So hat die Partei also so lang mit den Begriffen jongliert, dass sie zum Inbegriff, zum positiven Leitbild geworden sind. "Inhalte müssen überwunden werden!" steht auf den Plakaten und ist eine der Parteifloskeln, ebenso wie "Wählt die Partei - sie ist sehr gut" oder der Werbespruch seinerzeit zur Hamburger Wahl "Hamburg - Stadt im Norden", gegen den die politischen Gegner nicht viel ausrichten konnten. Auch die sagenumwobenen, einzig und allein populistischen Aktionen, etwa dem symbolischen Wiederaufbau von fünf Metern Mauer zwischen Thüringen und Hessen, dem Fackelmarsch durchs Brandenburger Tor oder der frenetische Jubel beim 1,9% "Erfolg" der FDP bei der Berlin-Wahl, sollen Sympathien bei den Wählern bringen. Einfach weil sie ja populistisch sind.
Auch einige Filmchen hatte Sonneborn im Gepäck, in denen er oft als ZDF-Reporter unterwegs ist und absolut investigativen Journalismus betreibt. Als Beispiel hier einer, in dem er den NPD-Bürgermeister der Stadt Krauschwitz vors Mikrofon bekommen hat, einem (wie er selbst sagt) absolut wahnsinnigen Kerl, der seine Reden in durchgeknallter Otto-Reutter-Manier verreimt:


Mit zwischenzeitlichen Erfrischungen in der Pause und einem sehr volksnahen Parteivorsitzenden kommt sogar noch zusätzliche Auflockerung in den hervorragenden Abend. Einfach Polit-Satire vom Allerfeinsten, die nicht in der Zeitung oder auf der Bühne Halt macht, sondern bis auf dem Weg zum Kanzleramt ist. Nicht ganz unbeachtliche Wahlerfolge auf Landesebene hat die "Partei" immerhin schon gerissen, bei der Berlin-Wahl in diesem Jahr haben 0,9% der Menschen die "Partei" gewählt. Und das obwohl sie sich neben einer geplanten Kriegserklärung an Liechtenstein auch für ein Endlager im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg einsetzen.
Also wer sich nicht zum Kartenkauf durchringen konnte, es nicht gewusst hat oder keine Zeit hatte, hat schon ein kleines Bonbon verpasst. Autogramme und Fotos gabs dann auch noch, also was will man eigentlich mehr?



Als die Veranstaltung gegen 22:15 Uhr zuende war, bildete sich noch eine kleine Menschentraube um Sonneborns Schreibtisch um persönliche Gespräche und Autogramme abzugreifen. Da ich schon von beidem eine Portion genießen durfte, wartete ich am Ausgang auf Katzer, der noch sein frisch gekauftes "Partei"-Buch signiert haben wollte. Auf einmal standen zwei junge Herren vor mir, der eine mit Blick durch eine aufgeschulterte Kamera, die ein rotes Licht wiedergab, der andere ein Mikro in der Hand. Der mit dem Mikro: "Eine Frage: Martin Sonneborn heute Abend" Schon war das Mikro auf mich gerichtet. Da ich kurz über die Frage dieser "Frage" nachgrübelte, stammelte ich mir ein wohl eher halbherziges "Ähh ja unfassbar" zusammen, gefolgt von einigen belanglosen Begeisterungsfloskeln, eine Stimmung, die man mir angesichts meines langen Uni-Tags wohl eher nicht ansah. Ganz unzufrieden wirkten die Jungspunde dann nicht, als sie nach der weiteren Frage, ob ich jetzt zur Partei übertreten würde, in Richtung Sonneborn abdackelten. Wehe, das wird auch nur irgendwo gezeigt. Ich kenne ja jetzt ein politisches "Gremium", das mit gutem Zureden bestimmt populitisch wirksam dagegen vorgehen kann.
"Ich werde jetzt nur noch zwei Filme zeigen, ich möchte ja auch nicht zu lang machen. Schließlich müssen Sie ja morgen früh wieder auf die Felder." - Martin Sonneborn
  

Dienstag, 22. November 2011

Schlüssige Argumente

Prämisse 1) Dreiseitige Philosophieprotokolle anzufertigen, dauert ein paar Stunden.
Prämisse 2) Justin musste für sein Philosophie-Tutorium ein dreiseitiges Protokoll anfertigen.
Konklusion) Justin hat für die Anfertigung seines dreiseitigen Philosophieprotokolls ein paar Stunden gebraucht.

Na, wer hat in der Logik-Vorlesung gut aufgepasst und kann mir sagen, um was für ein Argument es sich hier handelt? Im Angebot wäre ein schlüssiges Argument, das zudem mit Stichhaltigkeit glänzen kann. Oder aber ein nicht schlüssiges Argument, dies jedoch vielleicht mit induktiver Stärke? 
Was wäre etwa, wenn eine der beiden Prämissen falsch wäre? Mit der Stichhaltigkeit wäre es schonmal Essig. Außerdem ist ein solches Argument ja nur schlüssig im Sinne der deduktiven Gültigkeit, wenn es garnicht möglich ist, dass die Konklusion bei wahren Prämissen falsch ist. Von 'induktiv stark' spricht man außerdem ja nur, wenn es bei einem nicht schlüssigen Argument zumindest wahrscheinlicher ist, dass die Konklusion hinhaut, als das ihr Gegenteil der Fall ist. Möglicherweise sind aber auch einfach zu viele ungerechtfertigterweise pauschalisierende, nicht allgemeingültige Aussagen in den Prämissen enthalten? Wer sagt schließlich, dass alle möglichen, alle denkbaren Anfertigungsprozesse von dreiseitigen Philo-Protokollen dieser Welt ein paar Stunden dauern?

Weil ich meine zweieinhalb Blogleser mit diesen Umständen vielleicht verwirrt zurücklasse, garniere ich den Post wenigstens noch mit einem Bild meiner Webcam, geschossen während der Vorbereitungen für mein erstes Uni-Protokoll in der hauseigenen Bibliothek. An einem gemütlichen Arbeitsplatz auf der dritten Ebene war gutes Arbeiten möglich (Doping durch heiße Schokolade nicht ausgenommen).


Am Donnerstagabend werde ich bei Martin Sonneborns Auftritt im Bibliothekssaal vorbeischauen. Wer den Berufssatiriker und "Die Partei"-Politiker noch nicht kennt, sollte ihn mal youtuben. Von diesem Event werde ich aber selbstverständlich auch berichten, wahrscheinlich am Wochenende.
Ganz bald werde ich mich außerdem mal darum kümmern, dass ihr eine persönliche Bibliotheksführung von mir bekommt. Schließlich wird so ein Blog ansonsten schnell langweilig. Und wenn ich solche Elemente reinbringe, bleibt's auch für euch interessant. Das ist doch wenigstens mal ein gutes Argument. Oder ist es sogar schlüssig...?